Institut für historische Intervention

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Hermann Leopoldi. Ein Wiener Volkssänger jüdischer Herkunft.

Der Künstler Hermann Leopoldi

Hermann Leopoldi war einer der begabtesten und meist gefeierten Komponisten, Pianisten, Sänger und – wie er sich selbst nannte – „Klavierhumoristen“ des Wiener Liedes sowie des deutschsprachigen Schlagers der 1920er, 1930er, 1940er und 1950er Jahre. Er schuf so bekannte Lieder wie „Schön is so ein Ringlspiel“, „I bin a stiller Zecher“, „In einem kleinen Cafe in Hernals“, „Überlandpartie“, „Schnucki, ach Schnucki“, aber auch den im KZ geschriebenen „Buchenwald-Marsch“ und politische Lieder wie „Die Novaks aus Prag“ (über ExilantInnen-Schicksale) oder „An der schönen roten Donau“ (über die sowjetische Besatzung und den politischen Opportunismus der ÖsterreicherInnen).

Projekt abgeschlossen (2010-2012).

 

Geboren 1888 in Wien-Meidling als Sohn des Pianisten und Violinisten Leopold Kohn (geb. 1860 in Saladorf/ NÖ, gest. 1933 in Wien), hatte er bereits 1904 sein erstes Engagement als Pianist und tourte durch Niederösterreich. Sein erster großer Auftritt fand 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, im Ronacher statt. Kurz vor dem endgültigen Durchbruch Anfang der 1920er Jahre änderte er seinen Nachnamen von Kohn auf den Künstlernamen seines Vaters: Leopoldi. – Hermann Leopoldi war vor und nach der NS-Zeit Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, doch spielten jüdische Gemeinde, Kultur und Religion in seinem persönlichen und sozialen Leben eine geringe Rolle. Als Musiker und Sänger war er, in Übereinstimmung mit seiner künstlerischen Umgebung, allein „Wiener“ und „Österreicher“. Die jüdische Herkunft mag in dieser Hinsicht höchstens zu seiner kreativen Freiheit beige-tragen haben, alle sozialen Aspekte und Stimmungslagen dieser Wiener und österreichischen Identität musikalisch auszuschöpfen.

 

Leopoldi vertonte Texte von Fritz Löhner-Beda, Peter Herz, Rudolf Skutajan, Salpeter (Künstlername), Theodor Waldau, Robert Katscher, Fritz Rotter, Hanns Haller, Karl Farkas, Fritz Grünbaum und Robert Gilbert. Mit dem Conferencier Fritz Wiesenthal eröffnete er 1922 das Kabarett „L.W.“ [Leopoldi-Wiesenthal] in der Wiener Rothgasse 5. In dem Lokal traten regelmäßig Stars wie Karl Valentin, Armin Berg, Hans Moser, Fritz Grünbaum, Otto Dressler und Max Hansen sowie Leopoldis Vater und Bruder Ferdinand (1886-1944) auf. Das erfolgreichste Kabarett Wiens musste 1925 aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Darauf hin machte Leopoldi ausgedehnte Tourneen durch Deutschland und die Schweiz und gastierte in Prag und Karlsbad, Budapest, Paris und Bukarest.

 

Hermann Leopoldi wurde zum gefeierten Star und erhielt noch im Juni 1937, während der Zeit des Austrofaschismus, das Silberne Verdienstzeichen der Republik. Am 26. April 1938 wurde er als Jude zuerst nach Dachau (Prominententransport) und dann nach Buchenwald deportiert. Während sein Bruder Ferdinand und viele seiner Freunde ermordet wurden, konnte Hermann Leopoldi nach neun Monaten KZ-Inhaftierung von seiner Frau Eugenie (geb. Kraus) und deren Eltern, die bereits in die USA geflohen waren, freigekauft werden.

 

In den USA gelang Leopoldi in erstaunlichem Grad die Fortsetzung seiner Karriere. Dies begann damit, dass seine Frau die Ankunft im März 1939 bei der amerikanischen Presse perfekt vorbereitet hatte und Leopoldi mit dem Küssen des amerikanischen Bodens sogleich ein wirksames PR-Motiv vorgab. Gemeinsam mit seiner neuen Partnerin und zukünftigen Lebensgefährtin Helly Möslein (1914-1998) reüssierte er in der großen deutschsprachigen Exil-Community New Yorks, in Lokalen wie dem „Alt Wien“, „Eberhardt's Café Grinzing“, „Old Europe“ und dem „Café Vienna“ und bald auch mit englischen Übersetzungen der Wiener Lieder.

 

1947 kamen Leopoldi und Helly Möslein, von Sehnsucht und vielen Einladungen bewegt, zurück nach Wien. Sie wurden von Bürgermeister Theodor Körner eingeladen und bei Konzerten von Publikum und Presse stürmisch gefeiert – als Teil des „wieder auferstehenden Österreichs“. Gleichwohl wurden Leopoldis Judentum und damit auch die Umstände seiner Vertreibung in keinem einzigen Zeitungsartikel bis in die 1950er oder sogar 60er Jahre genannt – in derselben Zeit, in der Politik und Gesellschaft in einem „stillen“ Antisemitismus die Heimkehr der überlebenden Jüdinnen und Juden erschwerten und die Wiedererlangung von Bürgerrechten und geraubtem Besitz behinderten. Die Ambivalenz dieser Situation verlagerte sich auch ins Innere von Leopoldis Leben. Jahrelang wohnte er in einem Hotelzimmer, um jederzeit „vor den Nazis“ fliehen zu können. Zugleich durfte er aber vor dem österreichischen Publikum kein Wort von seiner Verfolgung und von der Rolle Österreichs bei den NS-Verbrechen verlieren – in Übereinstimmung mit einem Schweigen von Tätern und Opfern, das die gesamte Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre hinein charakterisierte.

Im Jahr 1958 erhielt Hermann Leopoldi das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich. Er starb am 28. Juni 1959 und liegt am Wiener Zentralfriedhof begraben.

 

Die Lieder im historisch-biografischen Kontext

Die Lieder Leopoldis bearbeiteten über ein halbes Jahrhundert hinweg alle politischen Themen in ihrer sozialen Alltäglichkeit. Nicht die politische Satire steht im Vordergrund, sondern Musik und Gesang vergegenständlichen den „populären“ Niederschlag des Politischen in seiner emotionalen und pragmatischen Dimension. Leopoldis musikalische Begabung – als Komponist, Pianist und Sänger – sowie sein im wörtlichen Sinn nicht umzubringender Sinn für Humor machten seine Musik zu einem zeitgeschichtlichen Spiegel von außergewöhnlichem Wandlungsvermögen. Die kritischen Töne waren immer ins Ironische und in eine alltägliche Wiedererkennbarkeit, oft auch ins Allegorische, gekleidet. Zugleich sind Kompositionen und Vortrag Leopoldis und seiner Partnerinnen immer, selbst in den kritischsten und traurigsten Liedern, von einer vitalistischen Sympathie und von jener feinen Frivolität, die der gesamten Kultur der Zwischenkriegszeit ihre unverwechselbare Erotik verlieh, getragen. Politische und gesellschaftliche Themen hielten sich die Waage mit unterhaltsamen und affirmativ „Wienerischen“ Liedern, die um lokale, amouröse und andere typische Motive kreisen. Zu den Beispielen für politische Lieder gehören Werke wie „Wien, sterbende Märchenstadt“, „Es muss was g’schehn für den kleinen Mann“, „Völkerbund“, „Abrüstungskonferenz“, „Klein, aber mein“, „Buchenwaldmarsch“, „Die  Novaks aus Prag“, „An der schönen roten Donau“, oder „Die Wirtschaftswunderkinder“.

 

In den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, denen Leopoldi durch seine jüdische Herkunft existentiell ausgesetzt war, wurden die Lieder zugleich zum Spiegel seiner eigenen Biografie. Er musizierte und komponierte unter allen Verhältnissen, im Ersten Weltkrieg für die Truppenbetreuung und später in den Konzentrationslagern Dachau (in regelmäßigen stattfindenden „Akademien“) und Buchenwald. Mit dem Buchenwald-Marsch gewannen Leopoldi und Fritz Löhner-Beda (1942 in Auschwitz ermordet) einen vom stellvertretenden Lagerkommandanten ausgeschriebenen Wettbewerb. „Dieser Marsch wurde nun sein [des Kommandanten] Lieblingslied, das wir zu allen Gelegenheiten singen mussten. Ich und meine Kameraden sangen das Lied natürlich mit ungeheurer Begeisterung, denn wir fühlten das Revolutionäre, das in ihm lag“, während der Kommandant seine „Zünftigkeit“ lobte. Das „ambivalente Angebot“ der Lieder reicht also auch noch ins KZ, wo es zu Leopoldis Überleben beitrug, ihn aber auch jederzeit in Gefahr bringen konnte.

 

Mit der Ambivalenz und Ironie der Lieder und mit ihrer vitalistischen Fähigkeit zur positiven Wende ist die Frage verbunden, wie der von rassistischer Verfolgung und politisch-gesellschaftlicher Barbarei Betroffene sein Überleben als Künstler bewerkstelligte. Diese Frage stellt sich für die verschiedenen historisch bedingten Lebensabschnitte Leopoldis auf völlig unterschiedliche Weise:

-         für die politisch-wirtschaftlichen Krisen der 1920er und 30er Jahre: die Wirtschaftskrise, die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, den österreichischen Bürgerkrieg und den „Ständestaat“, für den Leopoldi mit dem patriotischen Lied „Klein, aber mein“ eintrat

-         für die NS-Zeit in Österreich, die Radikalisierung der rassistischen Verfolgung, für Leopoldis Inhaftierung in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald und seine Flucht

-         für die Jahre des Exils in den USA, vor und nach dem Kriegseintritt der USA sowie nach Ende des Zweiten Weltkrieges

-         für die Jahre nach seiner Rückkehr, 1947-59

 

In den USA konnte er als österreichischer Künstler dem während des Krieges zunehmenden Deutschenhass entgehen, indem er ein „Alt-Wienertum“ zelebrierte, für das in New York bereits eine Szene etabliert war. Diese Szene bereitete damit einen Verdrängungsmechanismus vor, der im ganz anderen Kontext der österreichischen Nachkriegszeit wirksam werden sollte. Entsprechend heißen die Lieder, die ins Englische übersetzt wurden, „I am a Quiet Drinker“ („I bin a stiller Zecher“), „The Little Café Down the Street“ („In einem kleinen Café in Hernals“). Aber auch mit Flucht und Exilkultur verbundene Lieder wie „The Novaks from Prag“ waren erfolgreich. Die deutschsprachigen EmigrantInnen und ExilantInnen New Yorks waren zu einem so bedeutenden Teil jüdischer Herkunft, dass sich daraus selbstverständlich Anknüpfungspunkte ergaben. In der Broadway-Show „The Day Before Spring“ spielte und sang Leopoldi Sigmund Freud. Allerdings machte die „jüdische Identität“ eher nur einen Nebenaspekt in der künstlerischen Identität Leopoldis und so vieler anderer Künstler aus.

 

Das gilt auch noch für die Nachkriegszeit in Österreich, doch bedeutete nach dem Holocaust, was vormals „Assimilation“ war, nun viel eher Verdrängung – zumal sich aus der rassistisch motivierten Vertreibung und Ermordung des eigenen Bruders, von vertrauten FreundInnen und KollegInnen eine biografisch verdichtete Schicksalsgemeinschaft ergab. In welchem Verhältnis stehen die historische Verdrängung, die das politische Establishment und die gesamte österreichische Öffentlichkeit einte, und die Position, die Leopoldi mit seinen oft kritischen, aber nie aggressiven Liedern einnahm? Leopoldis Berühmtheit war die einer Stimme des städtischen, vor allem des Wiener Bürgertums. Als solche war er im innersten Kreis kultureller Identität und Selbstaffirmation angesiedelt. Dieser innere Kreis hatte ihn aber auch zum doppelten Opfer gemacht: von rassistischer Verfolgung zuerst und von Verdrängung derselben danach. Der „Erzwiener“ jüdischer Herkunft, dessen Judentum durchaus bekannt war, aber in der Öffentlichkeit unbedingt verschwiegen wurde, war der beste Garant für die Verdrängung.

 

Dass Menschen infolge der Traumata des Holocaust ihre jüdische Herkunft bzw. ihr Judentum vor der Öffentlichkeit verbargen, war in der österreichischen Nachkriegszeit ein häufig anzutreffendes Verhalten. Hermann Leopoldi war aber zugleich ein Künstler, dem mehr als anderen Mittel gegeben waren, seine Position in der Gesellschaft zu reflektieren und kreativ zu gestalten. Die historische Frage muss also nach zwei Richtungen gehen:

 

1.)    In welcher Position wurde Leopoldi 1947 zur „Heimkehr“ eingeladen und in welcher Rolle wurde sein künstlerisches Comeback nach der NS-Zeit gefeiert?

 

2.)    Wie ging Hermann Leopoldi selbst mit diesen Zuschreibungen um, und wie knüpfte er nach dem Holocaust an seine Karriere als „Wiener Volkssänger“ an? Welche politischen und gesellschaftspolitischen Themen griff er nun in seinem Schaffen auf? Noch aus den USA auf Österreich blickend sang er sehr kritisch (nach dem Text Kurt Robitscheks, der ebenfalls jüdischer Herkunft war): „… Selbst für d’ roten Bolschewiken, haben wir schon den rechten Ton. Wir sagen einfach zum Herrn Stalin: ‚Hab die Ehre, Herr Baron!’ Wir wer’n keinen Richter brauchen … Uns’re Hemden tan ma wechseln und verkauf’n unser G’wand. Nur statt Arisch heißt’s Towarisch [russ. „Genosse“], Russenschand statt Rassenschand. An der schönen roten Donau wächst jetzt wiederum der Wein …“ Zurück in Österreich klingen solche Töne selten an, und das Politische muss sich auf „leichter verdauliche“ Themen wie in den „Wirtschaftwunderkindern“ beschränken.

 


Projektziele

Die Quellenlage ist sowohl hinsichtlich der schriftlichen und bildlichen Dokumente als auch hinsichtlich der erreichbaren lebendigen Erinnerung außergewöhnlich dicht.

 

Aufarbeitung des Nachlasses von Hermann Leopoldi

 

Der Nachlass befindet sich im Besitz Ronald Leopoldis, des 1955 geborenen Sohnes von Hermann Leopoldi und Helly Möslein. Der Nachlass umfasst:


Briefe Hermann Leopoldi:

·          1. Weltkrieg: 1914 – 1915 (ca. 78 Stk.)

·          Briefe von Hermann an seine Frau Jenny

Briefe Helly Möslein an die Familie:

·          1939 – 1953 (ca. 84 Stk)

·          1932 – 1935 (ca. 84 Stk.)

·          1933 – 1939

·          1940 – 1943

Ungeordnete Briefe:

·          Schätzungsweise 300 Stück ebenfalls von Helly Möslein

Noten:

·          Zahlreiche Originale

·          Veröffentlichte und unveröffentlichte Stücke

·          Diverse publizierte Notenbücher

·          Programme, Revuen, usw.

Konzertprogramme (u.a.):

·          Orchestra Hall 1942; USA

·          Town Hall 1942, USA

·          Carnegie Lecture Hall; 1942, USA

·          Corso 1948, Schweiz

·          Kungl. Teatern 1948, Schweden

·          Audubon Ballroom, 1940; USA

·          Eberhardt´s Cafe Grinzing; USA

·          The Central Club; 1943, USA

·          Al Jolson Theater, 1943, USA

·          The Pythian-Grand Ballroom, 1943, USA

·          YorkVille Casino, 1943, USA

·          Sansibar, 1948, Österreich

·          Israel Tournee

Bilder/Fotos:

·          Hermann Leopoldi im Ronacher

·          Portraits Helly Möslein

·          Zahlreiche Bilder in den Zeitungsartikeln

·          Covers, Plakate & Programme, Briefe, Buchenwälder Marsch, Karikaturen, Künstlerfotos

·          Helly Möslein und der junge Ronald ab 1964

Zeitungsausschnitte, in Büchern geordnet:

·          1915–1939, 1947–1949, 1939–1960

·          1948: Artikel über Konzerte in der Schweiz und Schweden

·          Funk & Film; 1947, 1948, 1958, 1959, 1978, 1980

·          1940–1945

·          1945–1958, 1949–1959

Dokumente:

·          Alle Personaldokumente Hermann Leopoldis, auch aus der NS-Zeit

·          NSDAP-Dokumente

·          Ehrenurkunde und Verdienstzeichen

·          Div. Personaldokumente der Familie

·          Tourneepläne & Rechnungen

·          Schriftverkehr mit Verlagen, mit Rundfunk und Fernsehen, Verträge

·          Memoiren von Hermann Leopoldi / Humboldt Verlag

·          Telegramme, Geburtstagswünsche, Beileidschreiben

·          Ahnentafel

·          Dokumente anderer Familienmitglieder

Bücher:

·          L. Langhammer: Das Buchenwaldlied (inkl. eines Briefes über die Entstehung des Buchwaldmarsches)

 

Gegenwärtig sind Teile des Nachlasses geordnet. Insbesondere die über weite historische Strecken systematisch gesammelten und collagierten Zeitungsausschnitte bedeuten eine aus-gezeichnete Vorarbeit. Eine Durcharbeitung des Nachlasses wurde von der Familie mehrfach in Angriff genommen, scheiterte aber an der damit verbundenen emotionalen Belastung. Die Projekt-MitarbeiterInnen haben zu dem im Privathaus Ronald Leopoldis aufbewahrten Material praktisch unbegrenzten Zugang. In einem ersten Schritt gilt es, dieses zu sichten, zu erfassen und durch die Anlage von Findbehelfen für die zunächst eigene Forschung nutzbar zu machen. In einem zweiten Schritt wird der Nachlass durch konservatorisch sachgerechte Aufbewahrung für die Nachwelt erhalten. Ein allgemeine, öffentliche Benutzbarkeit des so geschaffenen „Hermann-Leopoldi-Archivs“ ist mit Ronald Leopoldi abzuklären.

 

 

Die lebendige Erinnerung Ronald Leopoldis

 

Ronald Leopoldi war am Beginn der Projektplanung vor allem an einer raschen Publikation aller Lieder gelegen. In den folgenden Arbeitsgesprächen konnte er für die umfassendere historische Bearbeitung und Darstellung der Biografie gewonnen werden. Aus Gesprächen mit seiner Mutter Helly Möslein (1914-98), die seit 1939 mit Leopoldi gearbeitet und gelebt hatte, mit seinem älteren Bruder (geb. 1912), der den Vater im Wiener Alltag und auf Tourneen der 1930er Jahren begleitete, und mit anderen Künstlerkollegen seines Vaters wie Gerhard Bronner (1922-2007) hält Ronald Leopoldi das reichste biografische Zeugnis über seinen Vater bereit. Dieses bedarf, wie der schriftliche und bildliche Nachlass, einer fragenden, registrierenden und ordnenden Außenposition.

 

 

Publikation der Lieder Hermann Leopoldis


Die Familie Leopoldi hat in den letzten Jahre über das umfangreiche Material des Nachlasses hinaus alle erreichbaren Noten und Schallplattenaufnahmen Leopoldis gesammelt und im Druck nicht vorhandene Lieder großteils bereits nachschreiben lassen. Gegenwärtig sind das etwa 250 Lieder.

Aufgrund dieser Vorarbeiten kann die Publikation in einer musikeditorisch kritischen Ausgabe und in einem Format, die sich vor allem an Musiker wenden, sehr rasch erfolgen. Sie wird die Notenliteratur, die stets nachgefragt wird und noch nicht als Werkausgabe publiziert ist, zugänglich machen und sie für die Nachwelt erhalten. Der Musik-Verlag Doblinger wird den Vertrieb übernehmen, der Mandelbaum-Verlag die Drucklegung organisieren. Die Frage der Verwertungsrechte wurde mit Ronald Leopoldi, der die meisten Rechte besitzt, und dem Musikverlag Doblinger, der darin die nächst wichtige Position einnimmt, geklärt.

 


Buchpublikation der Biografie Hermann Leopoldis im geschichtlichen Kontext

 

Die Erzählung beruht auf wissenschaftlicher Recherche (auf dem durchgearbeiteten Nachlass und der zeitgeschichtlichen sowie musikhistorischen Forschung), sprachlicher Stil und Gestalt des Buches sollen aber nicht „wissenschaftlich“ sein. Die biografisch-historische Prosa soll in erster Linie von den Liedern, die dem Buch in Form einer CD beiliegen, strukturiert werden. Materialien aus dem überaus reichen Bild- und Textnachlass illustrieren die Erzählung.

 

Die Lieder werden als Spiegel der Biografie und der zeitgeschichtlichen Kontexte thematisiert. Als sie entstanden, regulierten sie bewusst das Verhältnis von künstlerischem Individuum und breiter Öffentlichkeit. Sie interpretierten die gesellschaftspolitischen Probleme in deren emotionaler Aktualität und sind somit erstrangige Quellen der Mentalitätsgeschichte. Sie waren das kontinuierlichste „Gepäck“ in der von Katastrophen bedingten, wechselvollen Lebensgeschichte Hermann Leopoldis und übersetzten mehrfach zwischen verschiedenen kulturellen Umgebungen (Österreich in der Zwischenkriegszeit, den Konzentrationslagern, dem Kulturbetrieb der USA während des Zweiten Weltkrieges, Österreich in der Nachkriegszeit), mussten aber auch manches von dem, was das Leben Leopoldis bestimmte, verschweigen oder auf Andeutungen reduzieren. Über ihre musikalische Gefühlsunmittelbarkeit vermitteln die Lieder zwischen der psychischen Gegenwart der heutigen LeserInnen/ ZuhörerInnen und der behandelten Geschichte.

An diesen Gehalt der Lieder hat die Prosa der Erzählung anzuschließen. Sie muss historisch kontextualisieren, erklären und deuten. Sie muss Auszüge aus dem außerordentlich reichen schriftlichen Quellennachlass (Briefe, autobiografische Skizzen) und episodische Erzählungen individueller Erinnerungen (Ronald Leopoldis und anderer ZeitzeugInnen) integrieren. Und sie muss vor allem der Person Hermann Leopoldis, der in keinem seiner Lieder über sich selbst gesungen hat, aber als Autor und Interpret darin immer gegenwärtig war, eine persönliche und historische Gestalt verleihen.

Der Mandelbaum-Verlag wird das Buch verlegen. Mit Ronald Leopoldi wurde die Frage der Rechte für die beiliegende Musik-CD geklärt.

 

Einbeziehung der Website www.hermannleopoldi.at

Die bestehende Website soll im Zuge des Projektes inhaltlich erweitert werden. Sollten über die vermutlich vollständige Sammlung von Liedern und Noten, die in die Werkausgabe eingehen, noch weitere Lieder auftauchen, können diese auf der Website publiziert werden.

 

Veranstaltungen/thematische Liederabende

Im Sinn der Aktualität des musikalischen Erbes besteht ein wichtiger Teil des Projekts in der Aufführung von Liedern Hermann Leopoldis. Mit den Liederabenden sollen die Präsentationen der genannten Publikationen verbunden werden, und sie können in verschiedenen theatralischen und thematischen Kontexten stattfinden. Was die aufzuführenden Lieder betrifft, soll ein Schwerpunkt auf den weniger bekannten und politischen Werken liegen. Umfang und Qualität des Werkes ermöglichen die Differenzierung unterschiedlicher Themenabende.

Die Aufführungen werden in Kooperation mit Veranstaltern (Volksoper, Volkstheater etc.) und über private Sponsoren finanziert.